Virtual Reality im praktischen Einsatz

Virtual Reality (VR) ist für viele kein Fremdbegriff mehr. Was einst noch nach purer Fiktion klang, wird heute Realität – virtuelle Realität. Mithilfe sogenannter Head-Mounted-Displays kann man sich in eine völlig andere Welt versetzen und die physikalischen Gesetze unserer Welt völlig auf den Kopf stellen. VR hat sich schon einen Weg in die verschiedensten Branchen gebahnt: Sei es beim Flugtraining für Piloten der Lufthansa, im Bereich Fitness oder gar Marketing – virtuelle Welten können überall zum Einsatz kommen. So wurde auch bereits VR in der Angsttherapie und zur Beruhigung und Ablenkung der Patienten vor oder während der medizinischen Behandlung untersucht und für effektiv befunden.

Auch bei der Reduktion von Stresssymptomen kann VR in Zukunft eine entscheidende Rolle spielen. Stress und seine Folgen zählen laut Weltgesundheitsorganisation bereits zu einer der größten Gesundheitsrisiken des 21. Jahrhunderts. Über die letzten Jahre stieg die Anzahl an psychischen Erkrankungen an – heute sind sie die dritthäufigste Diagnosegruppe bei Krankschreibung bzw. Arbeitsunfähigkeit. Viele lassen bei hohem Leistungs- oder Termindruck schnell mal die Pause ausfallen – dabei erwiesen sich gerade die als wichtig, denn besonders kurze Pausen von 5-10 Minuten tragen maßgeblich zur Stressreduktion bei, die wiederum zu langfristiger Leistungssteigerung führe.

Um VR in diesem Kontext einsetzen zu können, bedarf es einer virtuellen Umgebung, die nachweislich eine Linderung der Stressemotionen hervorruft. Der Bereich des Environmental Designs untersucht hierzu die Wirkung verschiedener Umgebungselemente wie Vegetation, Licht- und Farbsetting sowie Lebewesen. So steigern Tiere und Pflanzen nachweislich die physiologische Aktivierung und zeigen sich effektiv bei der Steigerung der Arbeitseffizienz sowie Aufmerksamkeit und der Minderung von wahrgenommenem Stress, Blutdruck und physischem Unwohlsein.

Im Rahmen einer Forschungsarbeit untersuchten wir den Einfluss verschiedener Umgebungselemente wie bspw. die Wirkung von Schwarmverhalten von Tieren in Bezug auf Stressminderung. Schwarmverhalten wie beispielsweise Vogelschwärme locken seit Jahren Schaulustige zu Beobachtungstouren und faszinieren Alt und Jung mit ihrer einzigartigen Koordination und Harmonie. Ihre Kohäsion wirkt für das soziale Wesen Mensch interessant und spricht unsere für harmonische Muster stark empfängliche Wahrnehmung an. Auf Basis dieser Erkenntnisse wurde eine VR-Anwendung entwickelt, die Nutzer in eine natürliche Umgebung mit warmem Sonnenuntergang versetzt. Sie stehen dabei auf einer weiten Wiese, umgeben von Bergen und im Wind schwingenden Bäumen, hören sanftes Windrauschen und Vogelgezwitscher. Ein Blick nach oben zeigt den Vogelschwarm während seines Formationsflugs.

In einer Studie wurden Teilnehmende erst durch kognitiv herausfordernde Aufgaben unter Stress gesetzt, bevor sie die Anwendung nutzen durften. Anschließend wurde der Stresszustand vor und nach der Betrachtung der VR-Anwendung erhoben und verglichen.

Screenshot aus der Virtual Reality der Studie

Zwar ergab sich kein signifikanter Unterschied der Entspannung zwischen der Gruppe, die einen Vogelschwarm beobachtete, und der Kontrollgruppe, die die Umgebung ohne Schwarm erlebten. Dennoch zeigten sich beide Szenarien sehr effektiv in der Stressreduktion, denn in beiden Fällen war der Stresszustand der Teilnehmenden nach der VR-Anwendung im Vergleich zu vorher signifikant gemildert. Auch die Intensität positiver Empfindungen des Gemütszustands war signifikant stärker als die der negativen Empfindungen. Virtual Reality zeigte sich also als ein sehr effektives Werkzeug zur Minderung aversiver Stresszustände. Da es sich um einen passiven Simulator handelt, bei dem keine Fortbewegung oder Interaktion erfolgt, eignet sich die Anwendung gut für Arbeitsplätze wie Büros. Benötigt werden lediglich ein Smartphone und ein VR-Headset, in das das Smartphone eingesetzt werden kann. Bei schwächeren Smartphones ist es möglich, die Anwendung auf dem PC abzuspielen und per USB-Verbindung auf das Handy zu übertragen.

Virtual Reality birgt viele Möglichkeiten, die in Zukunft erforscht werden sollten. So können noch viele Anwendungen entstehen, die VR nicht nur als reines Gaming-Phänomen beweist, sondern effektiv in diversen Bereichen eingesetzt werden können, um verschiedene Bereiche zu unterstützen und alltägliche Probleme zu bekämpfen.

Konstantin Wilms

Konstantin Wilms

Research Associate bei Universität Duisburg-Essen
In der Forschung befasse ich mich mit Technologieakzeptanz und Forschungsdatenmanagement. Über das Verbundprojekt DETHIS arbeite ich an der Digitalisierung des Design-Thinking-Ansatzes.
Konstantin Wilms

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