Digital Nudging zur Steigerung der Wahlbeteiligung

Digital Nudging ist eine subtile Form der Nutzung von Design-, Informations- und Interaktionselementen, um das Nutzerverhalten in digitalen Umgebungen zu lenken, ohne die Entscheidungsfreiheit des Individuums einzuschränken. Dabei sind ganz verschiedene Einsatzmöglichkeiten von digitalen Nudges möglich. In einer früheren Studie hat sich gezeigt, dass ein Einsatz von Digital Nudging im Unternehmenskonztext vielversprechend ist. Durch kleine Veränderungen an der Oberfläche oder Interaktionsroutinen können Nutzer insbesondere in Einführungsphasen an die Hand genommen werden und schneller lernen.

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Doch Digital Nudging kann auch im öffentlichen Raum seine Stärken entfalten. So setzt Facebook als Social-Media-Plattform selbst kleine visuelle Erinnerungen ein, um die Nutzer an ihre Privatsphäre-Einstellungen zu erinnern. Ein weit verbreiteter Digital Nudge ist auch die Visualisierung der Passwort-Stärke von Rot zu Grün. Der Nutzer erhält ein unmittelbares Feedback, er muss aber nicht komplexe Regeln mit Sonderzeichen etc. beachten. Es gilt das Motto: Du kannst das Passwort so lassen, aber es ist schwach. Die freie Entscheidung bleibt erhalten und doch werden die meisten ein kompliziertes Passwort wählen.

Hohe Wahlbeteiligung zum Ziel

Ein ganz anderes Gebiet für Digital Nudging sind Wahlen. Hier geht es nicht um Wahlwerbung oder Zielgruppen-Targeting, wie es im letzten US-Wahlkampf womöglich stattgefunden hat. Es geht darum, die Wahlbeteiligung zu steigern, was als gesellschaftlich akzeptiertes Ziel angenommen werden kann. Im Vorfeld der vergangenen Bundestagswahl 2017 haben wir daher untersucht, inwiefern verschiedene Formen einer Wahlerinnerung im sozialen Netzwerk Facebook die Wahlabsicht positiv beeinflussen können. Den Teilnehmern der Studie wurde eine fiktive Facebook-Timeline mit einem Hinweis auf die Wahl gezeigt. Durch diese sollen sie vor der Wahl und am Wahltag selbst erinnert werden, wählen zu gehen. Dabei wurde nicht nur an die Wahl erinnert, sondern eine erfundene Zahl derzeitiger Wähler gezeigt (siehe Abbildung). In einer anderen Variante wurden die Freunde benannt, die bereits gewählt haben.

Digital Nudging mit Anzeige einer fiktiven Zahl, der Menschen, die bereits gewählt haben.Vermutlich aufgrund der wahlstarken Grundgesamtheit der Teilnehmer, die sich fast ausschließlich aus Studierende zusammensetzte, konnten zwar keine signifikanten Steigerungen durch die Intervention festgestellt werden. Jedoch finden es die meisten Teilnehmer gut, wenn Facebook derlei Hinweise zeigt. Gut ein Drittel hält es auch für wahrscheinlich, dass Nichtwähler durch solche Hinweise bewegt werden könnten.

Wirkung von Digital Nudging und Anwendung im Unternehmen

Beim Nudging wird u.a. mit kognitiver Dissonanz gearbeitet, d.h. es wird ein Unwohlsein provoziert, indem auf das tatsächliche versus ein geplantes bzw. normatives Verhalten offensiv oder subversiv hingewiesen wird. Dreiviertel der Befragten finden dies aber in Ordnung, wenn dadurch die Wahlbeteiligung gesteigert werden kann. Eine ähnliche Haltung zeigte sich auch bei einer Studie zur unternehmensinternen Anwendung von Digital Nudging. Wenn das Ziel der Intervention einer Mehrheit nützt, werden Nudges als vertretbares Instrument angesehen.

Dennoch heiligt das Ziel nicht alle Mittel. Digital Nudging bedarf einer ausgiebigen Analyse der Entscheidungssituation und unterliegt strengen Anforderungen. So muss immer möglich sein, das gewünschte Verhalten zu umgehen (freedom of choice). Um im Beispiel einer Wahl zu bleiben, wäre eine Wahlpflicht mit evtl. Strafen bei Nichteinhaltung (wie z. B. in Australien) kein Nudging. Für Unternehmen eröffnet sich die Möglichkeit, durch Digital Nudging starre Vorgaben und Verpflichtungen zu vermeiden. Durch gut eingesetzte Nudges würde ein Wunschverhalten dennoch erreicht werden können.

Dieser Artikel behandelt das 3CO-Fokusthema Digital Nudging.

Tobias Kroll

Tobias Kroll

Research Associate bei Universität Duisburg-Essen
In der Forschung befasse ich mich mit Steuerungsmechanismen in Informationssystemen durch persuasive Elemente und Nudges. Über das Verbundprojekt DETHIS arbeite ich an der Digitalisierung des Design-Thinking-Ansatzes.
Tobias Kroll

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