booking.com als gutes Beispiel für Digital Nudging? Eher nicht!

Die Wissenschaftler Christoph Schneider (City University of Hong Kong), Markus Weinmann und Jan vom Brocke (Universität Liechtenstein) haben im Journal Communications of the ACM einen neuen Beitrag zum Thema Digital Nudging publiziert. Darin stellen sie neben drei beispielhaften Nudge-Strategien (Decoy, Scarcity und Middle-Option Bias), die experimentell im Kontext von Crowdfunding-Projekten getestet wurden, auch einen Design Cycle vor, wie Digital Nudges entwickelt werden können (ähnlich zum DINU Model).

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Auch wenn der Einsatz von Digital Nudging in vielen Bereichen denkbar ist, weisen die Autoren darauf hin, dass bestimmte Anwendungen ethisch bedenklich sind, da sie die Nutzer in eine Entscheidung drängen können, die sie gar nicht wollen. Hier sehen die Nudge-Erfinder Cass Stunstein und Richard Thaler den entscheidenden Unterschied und die Legitimation von Nudging im Gegensatz zu einer reinen Manipulation.

In meinen Augen kommt dieser wichtige, wenn nicht konstituierende Aspekt von Nudging in dem CACM-Artikel noch zu kurz. So wird in Schritt 1 des Design Cycles auch das Beispiel eines Online-Shops genannt, der die Verkaufszahlen steigern will. Dabei stehen die ökonomischen Ziele eines Verkäufers (mehr Verkäufe, höhere Gewinne) doch stark im Gegensatz zu den individuellen Zielen eines Individuums (bedarfsgerechter Konsum, beste Preis-/Leistungsverhältnis, bester Anbieter). Im weiteren Verlauf des Artikels wird auch die Webseite booking.com genannt, die eine Vielzahl an Elementen verwendet, die als Digital Nudges bezeichnet werden könnten. Bei diesem Anbieter ist allerdings mehr als fraglich, ob die vielen eingeblendeten Informationen über Auslastung der Stadt, Buchungen in den letzten 24 Stunden oder derzeitige Ansichten eines Hotels zu einer besser informierten Kaufentscheidung führen oder vielmehr das Gefühl von Knappheit und Zeitdruck erzeugt und eine unreflektierte Buchung getätigt wird.

Es bedarf weiterer Diskussionen und Studien, um die (ethischen) Grenzen von Digital Nudging auszuloten und die strengen Anforderungen, die für das konventionelle Nudging galten, aufrechtzuerhalten. Es sollte klarer kommuniziert werden, wann Veränderungen der Entscheidungsarchitektur als Digital Nudging einen Beitrag leisten können und wann sie zurecht als Manipulation bezeichnet werden.

Für den Artikel wurde auch ein sehenswertes Video erstellt, in dem Christoph Schneider das Konzept Digital Nudging vorstellt: https://vimeo.com/272646245

Referenz: Christoph Schneider, Markus Weinmann, and Jan vom Brocke. 2018. Digital nudging: guiding online user choices through interface design. Commun. ACM 61, 7 (June 2018), 67-73. DOI: https://doi.org/10.1145/3213765 (Open Access)

Dieser Artikel behandelt das 3CO-Fokusthema Digital Nudging.

Tobias Kroll

Tobias Kroll

Research Associate bei Universität Duisburg-Essen
In der Forschung befasse ich mich mit Steuerungsmechanismen in Informationssystemen durch persuasive Elemente und Nudges. Über das Verbundprojekt DETHIS arbeite ich an der Digitalisierung des Design-Thinking-Ansatzes.
Tobias Kroll

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