Darf man das? Ein ethischer Blick auf neu aufkommende Technologien

Social Media, digitale Assistenten, Social Bots und andere künstliche Intelligenzen – wir sind stetig umgeben von neu aufkommenden Technologien. Insbesondere neue Informations- und Kommunikationstechnologien fügen sich schnell nahtlos in unseren Alltag ein. Schon wenige Jahre nach ihrer Einführung konnte sich kaum ein Mensch mehr vorstellen, wie das Leben ohne Smartphone oder Social Media ablaufen soll.

Jedoch wird jeder große Medienumschwung, so euphorisch er auch gefeiert wird, stets auch von einem Gefühl des Unbehagens begleitet. Der Beginn eines Wandels kann Angst und Ablehnung auslösen, sowohl im Privatleben, als auch im Unternehmenskontext. In der Information Systems Community hat das Phänomen des wandelbedingten Unbehagens einen der anerkanntesten Forschungszweige hervorgebracht: die Technologieakzeptanz-Forschung. Insbesondere die Wissenschaftler Venkatesh und Bhattacherjee haben mit ihren Akzeptanzmodellen diesen Bereich nachhaltig geprägt.

Zwischen Dämonisierung und Euphorie

Während in der Wissenschaft der Angst vor Wandel durch die Entwicklung von Modellen und empirischen Untersuchungen begegnet wurde, spaltete das Phänomen Medienethiker und -kritiker in zwei konträre Lager. Auf der einen Seite verkündete z.B. Theodor W. Adorno, Vertreter der Frankfurter Schule, den durch das Fernsehen ausgelösten Untergang des westlichen Intellektualismus, während auf der anderen Seite Bertolt Brecht die demokratisierende Wirkung des für ihn neuen Mediums des Radios unterstrich. Überträgt man diese vergangenen Diskurse zum Medienwandel auf aufkommende Technologien der Neuzeit, sieht man sich auch hier stets gefangen zwischen einerseits den Kritikern, die die neue Kommunikations- und Informationstechnologie als Untergang des Datenschutzes, der Privatsphäre und des freien Diskurses verteufeln und andererseits den überzeugten Technologie-Evangelisten, die durch die neuen Medien entstandenen Potentiale einschränkungslos preisen. Oft fehlt zwischen diesen lauten Meinungsführern ein ausgewogener Blick auf die ethischen Stolpersteine, die mit der Einführung neuer Produkte in unseren Alltag verbunden sind.

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Eine ausgewogene ethische Bewertung aufkommender Technologien

Die ethische Evaluation aufkommender Technologien ist essenziell, um herauszufinden welche Entwicklungen bestärkt und unterstützt werden sollten und welchen man aufgrund ihrer (möglichen) Auswirkungen entgegenwirken sollte (Sandler, 2014). Das größte Problem, das sich bei der ethischen Bewertung der aufkommenden Technologien ergibt, ist die große Unsicherheit wie sich die Technologien entwickeln und wie diese von den Nutzern verwendet werden. Ein aktuelles Beispiel, wie stark die Intention der Macher einer Technologie sich von der Anwendung der Nutzer unterscheiden kann, zeigte sich am Microsoft-Bot Tay. Der von Microsoft entwickelte Twitterbot war als Unterhaltungsaccount für amerikanische Teenager gedacht. Was im chinesischen Kontext zu einer beeindruckenden KI mit viel Unterhaltungswert geführt hatte, stellte sich im amerikanischen Anwendungsfall als ethisches Desaster raus. Nachdem die Twittercommunity Tay mit zahlreichen zum Teil antisemitischen, antifeministischen, und rassistischen Tweets, sowie verschiedenen Verschwörungstheorien gefüttert hatte, lernte Tay schnell dazu und postete selber Beiträge, die unter anderem den Holocaust verleugneten, Hitler als guten Kerl anpriesen, oder Hillary Clinton als Reptiloide diffamierten. Microsoft reagierte umgehend und nahm Tay vom Netz. In einer öffentlichen Stellungnahme, äußerten sich die Entwickler zu ihren Intentionen und ihren Ideen für die Zukunft. (https://blogs.microsoft.com/blog/2016/03/25/learning-tays-introduction/) 

Vorgehen und Verantwortung

Doch was war schiefgelaufen? Hätten die Entwickler den Angriff auf Tay hervorsehen müssen? Oder waren es am Ende die Nutzer, die eine neutrale künstliche Intelligenz binnen kürzester Zeit in eine Hetzmaschinerie verwandelten? Oder waren weder Entwickler noch Nutzer, sondern die KI als automatisierter Akteur für ihr moralisches Handeln verantwortlich? Auch wenn die Vorstellung welche individuellen und sozialen Implikationen eine neue Technologie mit sich bringt, stark mit vielen Unwägbarkeiten verbunden ist, sollte der Einführung einer neuen Technologie stets auch eine ethische Evaluation vorangeschaltet werden. Da es schwer ist, normative Aussagen über Produkte zu treffen, die noch nicht im Einsatz sind, sollte diese Evaluation immer verschiedene Nutzer- und Expertengruppen mit einbeziehen. Nur so kann festgestellt werden, wie die verschiedenen involvierten Parteien als Stellvertreter für Gesetz und Gesellschaft das Produkt empfinden und nutzen. Durch die gemeinsame Konsensbildung über die ethischen Implikationen einer neuen Technologie werden verschiedene Gruppen in die Verantwortung genommen, die aufkommende Technologie zu bewerten und zu verbessern. So besteht z. B. schon für die Entwickler die Chance, Technologien vor ihrer offiziellen Markteinführung durch Digital Nudges oder ein angepasstes Design so zu gestalten, dass einer ethisch verwerflichen Nutzung entgegengewirkt wird. Auch der Gesetzgeber kann durch die Überprüfung der Technologie schon darüber nachdenken, wie das Produkt im Kontext der Gesetzgebung zu interpretieren ist und ob durch ihren Einsatz neue Gesetzessprüche und Leitlinien notwendig sind.

Trotzdem ist die Frage der Verantwortung und Schuld in Bezug auf die zukünftige Verwendung neuer Technologien nicht abschließend zu klären. Der Umgang und die Bewertung bleibt ein iterativer Prozess, der alle Teile der Gesellschaft von den Machern bis hin zu den Nutzern einbindet. Dass neue Technologien jedoch nicht auf die leichte Schulter genommen werden sollten, zeigen gravierende Beispiele in unserer Geschichte. Ob Dynamit oder Atomwaffen, ist der Geist einer neuen Technologie einmal aus der Flasche gelassen, lässt sich der durch ihn ausgelöste Wandel nicht mehr aufhalten.

Ethik im Fokus unserer Forschung

Auch am Lehrstuhl für Professionelle Kommunikation spielt die Ethik neuer Technologien eine wichtige Rolle. Mit der Erforschung von Social Bots, Digital Nudging und allen Facetten der Social-Media-Kommunikation, bindet unsere Forschung stets neueste Technologien und Phänomene mit ein. Wer erfahren möchte, wie ethische Normen für die neue Technologie des Livestreamings in sozialen Netzwerken entwickelt werden können, sollte einen Blick auf die von uns geplante Delphi-Studie zum Thema werfen, welche wir im Juni 2018 auf der European Conference on Information Systems (ECIS) in Portsmouth, GB, vorgestellt wurde.

Jung, Anna-Katharina; Sell, Jennifer Isabelle; Stratmann, Jens (2018). Determining the Ethical Dimensions of Live Streaming: An Explorative Delphi Study. In Proceedings of the 26th European Conference on Information Systems (ECIS)

Anna-Katharina Jung

Anna-Katharina Jung

Research Associate bei Universität Duisburg-Essen
In der Forschung befasse ich mich mit der Verbreitung und Erkennung von Fake News in Sozialen Netzwerken.
Anna-Katharina Jung

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