Social Bots als Auslöser einer Schweigespirale in sozialen Medien

Social Bots StudieSocial Bots sind automatisierte Accounts in sozialen Medien, welche sich menschenähnlich verhalten und auf den ersten Blick nicht von menschlichen Accounts unterschieden werden können. Ihre Aktivität auf Social-Media-Kanälen ist schon länger bekannt; speziell im politischen Kontext wird vermutet, dass sie eingesetzt werden, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Neue Untersuchungen zeigen jetzt, dass bereits wenige Bots ausreichen können, um das Meinungsklima in eine bestimmte Richtung zu lenken.

Soziale Medien spielen durch den sozialen Einfluss in Online-Interaktionen eine wachsende Rolle für den Informationserwerb und Meinungsbildung der Öffentlichkeit. Ob die Informationen in den sozialen Netzwerken jedoch immer echt sind, lässt sich oft nur schwer feststellen. Dies führt zu der Sorge, dass böswillige Akteure Falschinformationen oder Gerüchte mit der Intention verbreiten, die öffentliche Meinung zu ihren Gunsten zu beeinflussen. In diesem Zusammenhang wird vermehrt auch über sogenannte Social Bots gesprochen, deren Einsatz vor allem im politischen Bereich erforscht wird. Der Einfluss auf das Online-Meinungsklima ist dabei unter anderem aufgrund methodischer Schwierigkeiten kaum messbar.

Die Schweigespirale

Um diese Lücke zu schließen, haben wir in einer neuen Studie untersucht, wie Bots die öffentliche Meinung in den sozialen Medien durch das Auslösen einer Schweigespirale beeinflussen könnten. Die Theorie der Schweigespirale stammt aus der Kommunikationswissenschaft und basiert auf der Annahme, dass Menschen Angst vor sozialer Isolation haben. Diese Angst führt dazu, dass die Meinung des Umfelds ständig geschätzt und mit der eigenen Meinung verglichen wird. Wer sich mit seiner eigenen Meinung in der Minderheit sieht, verändert zwar nicht seine Meinung, wird diese aber mit geringerer Wahrscheinlichkeit äußern. Das wiederum beeinflusst andere Menschen im Umfeld, die Häufigkeit dieser Meinung zu unterschätzen. Dies führt zu einem Prozess ähnlich einer Spirale bei dem immer weniger Personen eine bestimmte Meinung äußern und diese Meinung dadurch wiederum als weniger vertreten wahrgenommen wird usw.

Übertragen auf soziale Medien könnten Social Bots, die eine bestimmte Meinung vertreten, diese massenhaft über ein Netzwerk verbreiten und so den falschen Eindruck vermitteln, dass die „Bot-Meinung“ von mehr Menschen geteilt wird, als es in Wirklichkeit der Fall ist. Folglich gewinnen Menschen, die dieser Meinung zustimmen, das Vertrauen, öffentlich darüber zu sprechen, während diejenigen, die anderer Meinung sind, aus Angst, sozial isoliert zu sein, schweigen: Eine Schweigespirale entsteht. Im Gegensatz zu anderen Studien geht unsere Untersuchung also nicht von einer Meinungsänderung der Nutzer aus, sondern einer Änderung in der Wahrscheinlichkeit, die eigene Meinung zu äußern.

Die Simulation von Social Bots in einem Netzwerk

Die Untersuchung wurde mittels einer Computersimulation mit einem agentenbasierten Modell durchgeführt. Im Rahmen dieses Modells wurde in einem Netzwerk das Verhalten von 1.000 menschlichen Nutzern gemäß der Schweigespirale mit der Annahme modelliert, dass die Meinung zu einem Thema zu 50% positiv und 50% negativ verteilt ist. In diesem Szenario ohne Bots gewann ausgeglichen mal die negative und mal die positive Meinung die Oberhand. Die Meinungen der Akteure im Netzwerk blieb zwar weiterhin gleichverteilt, aber nur noch eine Seite äußerte ihre Meinung.

Um den Einfluss der Bots auf die Schweigespirale zu messen, wurde diesem Netzwerk im Anschluss eine variable Menge an Bots (0-10%) hinzugefügt, von denen alle stets nur eine negative Meinung vertraten. Die Ergebnisse zeigen, dass bereits 2-4% Bots ausreichten, um die mehrheitlich geäußerte Meinung zu ihren Gunsten zu ändern. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich die von den Bots unterstützte Meinung durchsetzt, stieg dabei von 50% auf zwei Drittel, sodass teilweise ein falscher Eindruck der Stimmungslage entstand.

Die Ergebnisse, dass schon ein geringer Anteil an Social Bots ausreichend ist, um eine Schweigespirale zu triggern, zeigen verschiedene Auswirkungen auf. Die Manipulation kann nicht nur auf die Politik durch die Untergrabung demokratischer Prozesse wirken, auch für Unternehmen kann es weitreichende Folgen haben, beispielsweise durch die Beeinflussung von Entscheidungsprozessen. Es ist deshalb von hoher Relevanz, dass in Zukunft genaue Methoden zur Erkennung und schnellen Entfernung von Social Bots entwickelt werden.

Aufgrund der Untersuchung auf Basis einer Simulation, welche stets nur einen Ausschnitt der Realität unter bestimmten Bedingungen abbilden kann, haben die Ergebnisse jedoch nur eine eingeschränkte Gültigkeit. Sie lassen sich nicht vollständig auf die Realität übertragen lassen. Dennoch bieten sie eine Indikation für mögliches Verhalten im echten Leben.

Die Studie können Sie unter folgendem Link nachlesen:

https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/0960085X.2018.1560920

Florian Brachten

Florian Brachten

Research Associate bei Universität Duisburg-Essen
Meine Forschungsschwerpunkte sind die automatisierte Kommunikation (z. B. durch Social Bots) und verwandte Aspekte wie Anonymität in Information Systems.
Florian Brachten

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